Bibliothek der Freien
Aus Bildungswiki
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Terminübersicht:
27.3. - 19 Uhr - Jo*Peace: Anarchie und Spiritualität
24.4. - 19 Uhr - Magnus Klaue: Wie sich Völker bilden - Not und Gemeinschaft in der anarchistischen Theorie des 20. Jahrhunderts
29.5. - 19 Uhr - Christoph Grüner: Anarchismus und Internet
26.6. - 19 Uhr - “Müsste man, um zu siegen, auf öffentlichen Plätzen Galgen errichten, so will ich lieber untergehen“ - Lesung mit Texten von Errico Malatesta
vorauss. 4.9. - 19 Uhr - Wahl oder nicht wählen
Bibliothek der Freien
Seit Dezember 1993 gibt es eine anarchistische Bücherei in Berlin, zunächst unter dem Namen BARBATA, seit August 1996 als Bibliothek der Freien. Ziel der Bibliothek ist es, Publikationen zur anarchistischen Theorie und Praxis der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen und auf diese Weise zur Kenntnis der libertären Ideen beizutragen, deren Relevanz und Aktualität gerade in Deutschland noch immer unterschätzt wird.
Warum “Bibliothek der Freien“?
Mit unserem Bibliotheksnamen lehnen wir uns an den Kreis der Berliner Freien an, der vor gut 160 Jahren, in der Zeit des deutschen Vormärz, als Brennpunkt radikal-freiheitlichen Oppositionsgeistes auch weit über die Stadtgrenzen hinaus Berühmtheit erlangte. Die bevorzugten Treffpunkte dieses lockeren politischen Debattierklubs befanden sich im Zentrum des alten Berlin, also nicht weit vom heutigen Standort unserer Bibliothek entfernt. Vorzugsweise der Rote Salon des Café Stehely am Gendarmenmarkt und die Hippelschen Weinstuben in der Friedrichstraße wurden von den Freien frequentiert. Hier versammelten sich in den Jahren von 1840 bis 1849 allabendlich Männer und Frauen aus jener unruhig-kritischen und respektlosen Generation, die im Deutschland der 1830er Jahre herangewachsen war. Hintergrund und Nährboden der ausufernden Debatten und hitzigen Auseinandersetzungen waren unter anderem die Ideen der Französischen Revolution von 1789 und besonders der sog. Linkshegelianismus, der in diesen Jahren das philosophische Terrain darstellte, auf dem die radikalen Denker jener Zeit ihre Waffen gegen die Autorität in Staat und Kirche schmiedeten. Die bedeutendsten Linkshegelianer gingen bei den Berliner Freien ein und aus. Die Gebrüder Bruno und Edgar Bauer waren dort ständige Gäste, ebenso der Anarchist Max Stirner oder Friedrich Engels in seinen Berliner Jahren. Fortschrittliche Publizisten, oppositionelle Dichter und Studenten, kritische Köpfe aller Couleur gaben sich hier ein Stelldichein. Auch für emanzipierte Frauen wie z.B. Karoline Sommerbrodt, Louise Aston oder Marie Dähnhardt besaß der Kreis der Freien Anziehungskraft. Gleichberechtigt nahmen sie ihren Platz an der fröhlichen Tafelrunde ein. Getragen wurden die oft happeningartigen Zusammenkünfte von einem freimütigen Klima antiautoritärer Geselligkeit. Wenn auch nur ein knappes Jahrzehnt im Brennpunkt der Öffentlichkeit stehend, markieren die Berliner Freien doch eine jener radikal-freiheitlichen Traditionslinien, an denen die politische Kultur in Deutschland leider so arm ist. So schien es uns sinnvoll, mit dem Namen Bibliothek der Freien ganz bewußt einen historisch-lokalpolitischen Bezug herzustellen; auch im Interesse eines libertären Regionalismus, der sich freiheitlichen Traditionen vor Ort verbunden fühlt und an diese anzuknüpfen sucht.
Unsere Aktivitäten
Die Bibliothek ist jeden Freitag von 18-20 Uhr geöffnet. Es gibt die Möglichkeit, die Bücher des Freihandbereichs einzusehen und die meisten Bücher können auch ausgeliehen werden. Gerne sind wir auch Leuten behilflich, die Studienarbeiten zu Themen mit anarchistischem Bezug schreiben. Und natürlich wird in der Bibliothek auch gut und gerne über libertäre Themen diskutiert, sozusagen ganz in der Tradition der Berliner Freien.
Neben dem laufenden Bibliotheksbetrieb organisieren wir regelmäßig Veranstaltungen zu anarchistischen Themen wie Buchvorstellungen, Vorträge, Diskussionen und Lesungen. Neue ReferentInnen mit interessanten Beiträgen zu libertären Fragestellungen sind immer herzlich willkommen, z.B. wäre es ja vielleicht eine Idee, die Ergebnisse der eigenen Studienarbeit mit anarchistischer Thematik einmal in der Bibliothek vorzustellen. Wer kontinuierlich bei der Bibliothek mitarbeiten, eigene Ideen verwirklichen oder an den bestehenden Projekten mitarbeiten möchte, kann jederzeit einsteigen. Kommt einfach am Freitag ab 18.00 Uhr in die Bibliothek !
Programm Frühjahr/Sommer 2009
Freitag, 27. März 2009, 19.00 Uhr
Jo*Peace: Anarchie und Spiritualität
In ihrem Erstlingswerk »Anarchie - selbstbestimmtes Leben als Therapieform« versucht Jo*Peace Perspektiven zu erarbeiten, die fernab von politischen Kämpfen das Individuum in den Fokus rücken. Denn genau hier fängt Anarchie an: als Selbstbestimmung der einzelnen Person. Als Einstieg werden Teile aus dem Buch vorgelesen, in denen inhaltliche Aspekte der Anarchie mit denen der Spiritualität verknüpft werden. Noch immer scheuen sich viele Menschen davor, eine Existenz jenseits des Materiellen anzuerkennen. Dass sie damit einen jahrhunderte alten Dualismus aufrechterhalten und unbewusst das gedankliche Erbe dieser zerstörerischen Zivilisation fortführen, steht dabei ebenso zur Diskussion, wie die daraus resultierende Blockierung der eigenen Selbstbestimmung. Spiritualität hat in diesem Sinne nichts mit Tarotkarten oder Räucherstäbchen zu tun, sondern bezeichnet das wieder erlangte Bewusstsein der Menschen über ihre energetische Existenz, als Teil eines unendlichen Kosmos. Dass die Logik politischen Handelns mit der Mystik des universalen Eins-Seins in keinem Widerspruch steht, sondern ganz im Gegenteil fruchtbare Anknüpfpunkte bietet, ist ein Hauptanliegen des Buches. Die jüngste Generation der Libertären hat sich Liebe, Luxus, Anarchie auf die Fahnen geschrieben. Ob sie diesen Ansprüchen gerecht werden (will) und welche Horizonte trotz alledem noch immer im Verborgenen liegen, können wir gemeinsam klären. (Buchvorstellung durch die Autorin)
Freitag, 24. April 2009, 19.00 Uhr
Magnus Klaue: Wie sich Völker bilden - Not und Gemeinschaft in der anarchistischen Theorie des 20. Jahrhunderts
Die Nationen- und Staatskritik anarchistischer Theoretiker geht fast stets einher mit einem emphatischen Verständnis von »Gemeinschaft«, die wahlweise als »Volk«, »Kameradschaft« oder »Brüderlichkeit« vorgestellt wird. Anhand der Schriften Erich Mühsams und deren Kropotkin-Rezeption soll nachvollzogen werden, wie der anarchistische Gemeinschaftsbegriff mit seiner undialektischen Kritik der Abstraktionen des Staats und der Warenform, denen ein »gerechter« Tausch sowie »anschauliche« Lebens- und Produktionsformen entgegengehalten werden, nicht nur nolens volens regionalistische Vorstellungen von Gemeinschaft reproduziert, sondern »Gemeinschaft« nur als Notgemeinschaft zu fassen vermag, die sich unter dem Druck des Überlebenszwangs gegen den perhorreszierten Überfluß der Marktgesellschaft konstituiert. Demgegenüber entwickeln die Schriften Gustav Landauers einen Begriff des Anarchismus, der die Verallgemeinerung von Luxus und Genuß gegenüber der Reduktion von Gesellschaft zur Bedarfsgemeinschaft einklagt und nicht auf Liquidation, sondern auf Einlösung des bürgerlichen Autonomiegedankens zielt. Dass nicht Landauers, sondern Mühsams Gemeinschaftsmodell mittlerweile den Sieg davon getragen und sich unter dem Label des Poststrukturalismus als konsensfähiges Ideologieangebot verallgemeinert hat, soll abschließend an Deleuzes / Guattaris »Tausend Plateaus« gezeigt werden, die sich bis in die Metaphorik hinein als postmodernes Revival anarchistischer Theoriebildung lesen lassen. (Vortrag und Diskussion)
Freitag, 29. Mai 2009, 19.00 Uhr
Christoph Grüner: Anarchismus und Internet
Das Internet spielt im Zuge der technologischen Revolution eine immer wichtigere Rolle für anarchistische Vernetzung, sei es zur Diskussion, Organisation oder zur Verbreitung libertärer Ideen. Verschiedentlich wird sogar behauptet, das Internet sei an sich eine libertäre Einrichtung, ein herrschaftsfreies Netzwerk, das alle Hierarchien untergräbt. Spektakuläre Aktionen der Zensurumgehung, Online-Demos usw. haben zu diesem Ruf beigetragen, obwohl solche direkten Aktionen nicht immer dauerhafte Auswirkungen haben. Dennoch sind selbstbestimmte Online-Gemeinschaften mit eigenen Regeln entstanden, die libertär funktionieren, ohne ein anarchistisches Etikett für sich zu beanspruchen. Das Medium Internet ist darüber hinaus zunehmend ein Werkzeug zur Wissensakkumulation, aus dem sich Potenziale hinsichtlich einer Partizipation und Emanzipation für den Einzelnen ergeben können - so wäre die Online-Enzyklopädie Wikipedia als kollaborative Plattform ohne das Internet nicht vorstellbar. Anhand von Onlineprojekten soll erörtert werden, in wie weit sich das Medium eignet, libertäre Konzepte zu vermitteln und was für Möglichkeiten der Beteiligung existieren. (Vortrag und Diskussion)
Freitag, 26. Juni 2009, 19.00 Uhr
„Müsste man, um zu siegen, auf öffentlichen Plätzen Galgen errichten, so will ich lieber untergehen“ - Lesung von Malatesta-Texten
Getrieben von dem Wunsch nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit für alle, kämpfte Errico Malatesta (1853 - 1932) fast sein Leben lang für eine soziale Revolution. Er gilt als Mitbegründer der anarchistischen Bewegung in Italien. In seinen Texten wandte er sich oftmals ganz unterschiedlichen Fragen rund um den Anarchismus zu, dabei überzeugen seine Texte vor allem durch die Klarheit seiner Worte und Gedanken. An diesen Abend sollen, neben einem kleinen Überblick über Malatestas Leben und Wirken, einige seiner zahlreichen Texte von Mitgliedern der Bibliothek vorgetragen werden. Anschließend soll noch Möglichkeit zur Diskussion rund um diese Texte gegeben werden.
September 2009:
(voraussichtlicher Termin: Freitag, 4. September, 19.00 Uhr; endgültiger Termin unter: www.bibliothekderfreien.de/veranstaltungen/aktuelle-veranstaltungen)
Wahl oder nicht wählen
„Was, schon wieder wählen?“ wird es im September heißen. Viel Kopfzerbrechen kann die Überlegung sparen, ob man überhaupt was wählen soll: anregende Gedanken dazu versucht die Bibliothek der Freien in ihrer Wahlboykott-Veranstaltung zu geben. (Termin steht noch nicht endgültig fest, voraussichtlich am 4.9. im Haus der Demokratie.)
Übersicht
- Zeit: Öffnungszeiten Bibliothek jeden Fr 18-20 Uhr und nach Absprache, Veranstaltungen einmal monatlich jeweils Fr 19 Uhr (in der Regel am letzten Freitag im Monat)
- Ort: Haus der Demokratie, Greifswalder Straße 4, 2. Hof, 1. OG, Raum 1102
- Kosten: Veranstaltungen sind kostenfrei, für das Ausleihen von Medien wird eine moderate Ausleihgebühr erhoben
- Kontakt: DieFreien AT BibliothekderFreien.de
- Internet: www.BibliothekderFreien.de
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